Das Wende-Lexikon
ABM
Auch wenn ein Dispatcher außer Kaffeetrinken nichts zu tun hatte, in der DDR hatte offiziell jeder eine Arbeit. Erwerbslosigkeit kannte man nur von drüben, gruselig dargestellt im Staatsbürgerkunde-Unterricht und der Propagandashow "Der Schwarze Kanal". Als mit der Währungsunion aber fast alle Kombinate abgewickelt wurden, weil ja auch die Ostdeutschen nur noch Westsachen kauften, entwickelte sich ein kollektives Trauma zwischen Ostsee und Erzgebirge. Noch immer ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie im Westen, noch immer wird sie als Demütigung empfunden. Der Streik der IG Metall für eine 35-Stunden-Woche ist im Westen beschlossen worden und im Osten zusammengebrochen - den Betroffenen war mehr Maloche lieber als gar keine. ABM wurde zur Abkürzung der Hilflosigkeit, zum Synonym für eine Beschäftigung von geringem Wert. Ehemalige Betriebsbrigaden räumten nun für wenig Geld die Wälder auf. Fast sieben Millionen Ostdeutsche durchliefen diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen oder andere Strukturanpassungen und Umschulungen. Für viele Ältere war es der Start in die Frühverrentung. Jüngere zog es fort - dorthin, wo es richtige Arbeit gab. Inzwischen wurde ABM (im Volksmund "Arbeiten bis Mittag") von den Ein-Euro-Jobs abgelöst. Eigentlich ist es dasselbe, nur für noch weniger Geld.
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Brüder und Schwestern
Nachdem Ernst Thälmann und Katarina Witt wegen der Wende keine Vorbilder mehr waren, wurden es die Brüder und Schwestern aus dem Westen. Jeder wollte so werden, wie die Ossis meinten, dass die Wessis sind: weltgewandt, selbstbewusst, reich. Ich lernte meine ersten echten Westdeutschen als 15-Jähriger kennen - im Juli 1990 auf einer Sprachreise nach England. Sie hatten andere Klamotten an, buntere. Sie unterhielten sich über Serien von Fußball-Sammelbildern, die ich nicht kannte. Vor allem aber gingen sie in der Öffentlichkeit anders mit sich selbst um. Ganz selbstverständlich sprachen sie aus, was sie wollten. Einer von ihnen war in der Jungen Union und entwarf Zukunftspläne für die ganze Welt, er wollte CDU-Ministerpräsident werden, mindestens. Routiniert zählte er seine Programmpunkte auf, und ich fragte mich: Hat der keine Zweifel, kennt der keine Angst? Ein anderer, er konnte höchstens 16 Jahre alt sein, gab mir seine Visitenkarte: "Creative Artworx, Markus Wiese, Director Design Department". Auch seine Adresse war vermerkt, und weil Direktor Markus noch zur Schule ging und bei seinen Eltern wohnte, stand unter der Telefonnummer: "nach 18.00 h MEZ". Mir kamen die Westdeutschen um Lichtjahre erwachsener vor.
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Chemnitz
Die Stadt in Sachsen ist sowohl Gewinner als auch Verlierer der Wende, deshalb lässt sich hier der Aufbau Ost mit seinen Vor- und Nachteilen besonders gut besichtigen. Mit der Bildung der Fünf Neuen Länder, die 16 Jahre nach der Einheit immer noch so heißen, verlor sie ihren Status als Bezirksstadt und wurde von der sächsischen Landeshauptstadt Dresden und der Messemetropole Leipzig abgehängt. Ein sozialistisches Vorzeigemodell musste Chemnitz immerhin nicht mehr sein. Wegen dieses irrwitzigen Plans hatte Chemnitz ab 1953 Karl-Marx-Stadt zu heißen - was immer noch besser war als Stalinstadt (später Eisenhüttenstadt). Meine Verwandtschaft im nahen Erzgebirge hat den neuen Namen allerdings nie benutzt. Meine Tante Ruth kündigte ihre Einkaufstouren nach Karl-Marx-Stadt stets mit den Worten an: "Morgen machen wir fort nach Chemnitz zum Einholen." Ich fand das früher sehr mutig. Chemnitz hat wie viele andere ostdeutsche Städte sein Zentrum saniert und hofft auf Touristen. Hinter den neuen Fassaden verbirgt sich jedoch ein Einwohnerrückgang von 20 Prozent seit der Wende und ein trauriger Rekord: die niedrigste Geburtenrate der Welt. Chemnitz ist ein Ort, der zwischen Neuem und Altem schwankt und deshalb einige Raritäten vorzuweisen hat. Der mehr als sieben Meter hohe Bronzekopf des kommunistischen Philosophen Karl Marx, geschaffen von einem sowjetischen Bildhauer, bestimmt noch heute das Stadtbild. Außerdem gibt es in Chemnitz die einzige Walter-Ulbricht-Straße in Deutschland. Wie die wohl ganz früher hieß?
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D-Mark
Sie war das Sexsymbol des Sozialismus - jeder wollte sie, jeder brauchte sie. Selbst die SED-Führung gierte nach internationalen Krediten und zog den Bürgern in den "Intershops" die Devisen aus den Taschen. Außerhalb dieser nach der weiten Westwelt duftenden Läden war das harte Geld wichtig zum Erwerb seltener Dienstleistungen oder Baustoffe. D-Mark konnte man sich nur von Westtanten schenken lassen oder sie bei solcherart Beschenkten mit Ostmark ertauschen; der Kurs schwankte zwischen 7:1 und 20:1. "Wenn die D-Mark nicht zu uns kommt, kommen wir zu ihr", lautete die Drohung der Montagsdemonstranten nach der Maueröffnung und den ersten 100 DM-Begrüßungsgeld. Mit dem lang ersehnten Westgeld gewann die CDU die ersten freien Wahlen in der DDR, denn sie versprach einen Umtauschkurs von 1:1. Am Ende galt der aber nur für 4.000 Ostmark, der Rest der Sparguthaben wurde halbiert. Noch heute kann ich mich an die straßenlangen Schlangen vor den ostdeutschen Sparkassen im Juli 1990 erinnern. In Berlin-Pankow wurde eine alte Frau kurz vor dem Schalter ohnmächtig und deshalb von allen lachend bedauert, weil sie nach dem Aufwachen bestimmt ihre Ostmark nicht mehr umtauschen darf. Unter Jubel schlug sie ein paar Minuten später die Augen wieder auf.
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Erich
Privat spielte er gerne Skat, hatte 42 Jagdflinten - und manchmal sah er sich Pornofilme an. Beruflich teilte er sein Land mit einer Mauer, stieg zu einem der wichtigsten deutschen Politiker auf - und scheiterte an sich selbst. Fast 20 Jahre lang hat Erich Honecker die DDR regiert. Später sagte er über sie: "Sie war ein Experiment, das gescheitert ist." 1961 organisierte er für Walter Ulbricht den Mauerbau, zehn Jahre später entmachtete er seinen Ziehvater und baute ohne Skrupel seine Alleinherrschaft aus. In einem Befehl, abgezeichnet mit seinem Kürzel E.H., heißt es: "Gegen Verräter ist die Schusswaffe anzuwenden." Erich, der gelernte Dachdecker, war zu DDR-Zeiten eine gefürchtete, wegen seiner acht Jahre Zuchthaus zur Nazizeit aber lange auch geachtete Figur. Der Personenkult um ihn schlug sich im Witz der Arbeiter und Bauern nieder, die über "Erichs Krönung" (ein dünner Kaffee-Mix mit Zusatzstoffen) oder "Erichs Lampenladen" (der protzige Palast der Republik) lästerten. Den Pionieren wurde "der Vorsitzende des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und Generalsekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands" (so sein offizieller Titel) tagtäglich als Vorbild gepriesen, zuweilen erschien sein Foto mehr als 20 Mal in einer Zeitung - bei mir wirkte das so sehr, dass ich einmal als Berufswunsch angab: Erich Honecker. Nur mit Mühe konnten mir meine Eltern diese Idee ausreden. Als die Mauer fiel, saß der bereits entmachtete Diktator vor dem Fernseher und war nach eigenen Worten "tief erschüttert". Er floh nach Chile, wo er 1994 starb. Die Urne mit seiner Asche bewahrt seine Frau Margot auf.
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Fahne, Unsere
Hammer und Zirkel im Ährenkranz, dieses schmucke Emblem zierte alles, was nach DDR aussehen sollte - von der Zeugnismappe bis zu den Ferienfliegern der Interflug. Mit dem Symbol in der Mitte der Deutschlandfahne wurde die offizielle Gemeinsamkeit von Arbeitern, Bauern und Intelligenz demonstriert. Wenn ich DDR-Fahnen aus der Schule mitbrachte, warfen sie meine Eltern allerdings in den Müll. Unter Heimatliebe verstanden sie etwas anderes. So konnte unsere Familie nicht an den Ausschneide-Wettbewerben teilnehmen, die die Ostdeutschen Ende 1989 austrugen. Sie schnippelten das Emblem kunstfertig aus ihren schwarz-rot-goldenen Flaggen, um ihre Sehnsucht nach der Einheit zu unterstreichen. Lustigerweise waren die Fahnen mit dem DDR-Loch zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 wieder zu sehen - in Leipzig, dem einzigen ostdeutschen Austragungsort. Die Hymne der Deutschen Demokratischen Republik mochte ich lieber als die Fahne. Sie hatte einen Text, so wundervoll und verheißend, dass die SED das Mitsingen lange vor meiner Geburt verboten hatte: "Auferstanden aus Ruinen/ und der Zukunft zugewandt/ Lass uns dir zum Guten dienen/ Deutschland einig Vaterland." Für den Umbruch 1989 fand ich diese Zeilen genauso passend wie für den Neuanfang 1945. Johannes R. Becher hatte einst die Verse ersonnen - ein Dichter, den alle DDR-Bürger zu verehren hatten, weil er einst Stalin verehrt hatte. Beim Vollzug der Deutschen Einheit nach Beitrittsartikel 23 des Grundgesetzes hatte Bechers Hymne natürlich keine Chance. "Einigkeit und Recht und Freiheit" galt nun für ganz Deutschland. Ich sang das mir lange fremde Lied zum ersten Mal in einem Biergarten in Berlin-Prenzlauer Berg mit - bei der Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2006.
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Grenzübergang
Den ersten Gang zu den unbekannten Brüdern und Schwestern machten wir gemeinsam, meine Schwester, meine Eltern und ich. Nach der zufälligen Maueröffnung durch den überforderten Günter Schabowski, der eine neue Reiseregelung mit dem Stoppelsatz "Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich …" ankündigte, liefen wir Hand in Hand über die Bornholmer Brücke. Jubelnd durchquerten wir die Kontrollanlagen, prosteten den verunsicherten Soldaten der Nationalen Volksarmee zu, umarmten fremde Nachbarn. Als wir drüben anlangten, zeigte meine Mutter auf die grauen Altbauten des West-Berliner Arbeiterbezirks Wedding und rief entsetzt: "Hier sieht es ja aus wie bei uns." Da merkten wir, dass wir uns den glitzernden Westen, den wir nur aus dem Fernsehen kannten, anders vorgestellt hatten. In den folgenden Monaten wurde Grenzübergang für Grenzübergang mit rauschenden Festen geöffnet, die Mauer wurde mit Hämmern aus dem Gartenschuppen zertrümmert und bröckchenweise nach Hause geschleppt. Danach eroberte der glitzernde Westen mit seinem knallbunten Warenangebot jeden alten Konsum im Osten. Günter Schabowski wohnt heute mit seinem Papagei in Berlin - von einem Plattenbau in der Nähe der einstigen Grenze will er jetzt in eine kleinere Wohnung ziehen, des Geldes wegen.
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Heimat, Unsere
"Das Stückchen Erde, auf dem ein Mensch geboren wird, wo er aufwächst und sein Heim steht, nennt er seine Heimat. Meist findet er sie schön. Und in der Ferne sehnt er sich nach ihr - Heimweh. Doch die Heimat wird nicht unbedingt auch als Vaterland empfunden. Vaterland ist die Heimat eigentlich nur dort, wo der Mensch sich sozial geborgen weiß, wo er lernen kann, wo er Arbeit und Brot erhält, wo er als gleichberechtigter Bürger an den Belangen der Gesellschaft und des Staates mitzuwirken vermag, wo er glücklich lebt. In diesem Sinn ist uns die Deutsche Demokratische Republik nicht nur Heimat, sondern auch sozialistisches Vaterland." So sollte es sein, so war es festgeschrieben im Buch "Vom Sinn unseres Lebens", das alle Mädchen und Jungen zur Jugendweihe überreicht bekamen. Längst ist ihnen die DDR kein Vaterland mehr. Unsere Heimat, das sind nur noch die Städte und Dörfer, die inzwischen westdeutsch aussehen. Trotzdem empfinden viele, die dem Staat DDR entwachsen sind und die inzwischen als tüchtige Gesamtdeutsche im Westen arbeiten, noch ein Gefühl von Heimat für Fichtelberg und Kap Arkona. Da es das Vaterland aber nicht mehr gibt, fühlt sich das Heimweh etwas unwirklich, unnahbar, ja unernst an. Eher wie Fernweh.
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Inoffizieller Mitarbeiter
Einer kleiner, dafür aber häufig begangener Fehler bei der deutsch-deutschen Aufarbeitung: IM heißt nicht Informeller Mitarbeiter. In der DDR gab es 90.000 hauptamtliche und noch einmal doppelt so viele inoffizielle Helfer der Staatssicherheit. Jeder 50. DDR-Bürger hat also gespitzelt, dafür Geld und Privilegien erhalten und dabei selbstverständlich niemandem geschadet. Auf jeder größeren Familienfeier, in jedem vierstöckigen Mietshaus, in jedem Sportverein kommen 50 Leute zusammen. Statistisch war überall einer dabei. Wer sind diese Leute, was machen sie heute? Das wollen viele Menschen bis heute lieber nicht wissen. Zahlreichen Hoffnungsträgern wurde bei der öffentlichen Aufklärung der DDR-Geschichte schon ein Deckname zugeordnet: Ibrahim Böhme, dem freundlich-besonnenen Mitbegründer der ostdeutschen Sozialdemokratie, Rechtsanwalt Wolfgang Schnur, auch dem Ehemann der Oppositionellen Vera Wollenberger, sogar dem Kosmonauten Sigmund Jähn. Ihr aller Ruf war dahin. Inzwischen herrscht leider eine gewisse Stasi-Müdigkeit. Die Birthler-Behörde, die einst den Namen des Bürgerrechtlers Joachim Gauck trug und heute in einem abblätternden Betonklotz am Alexanderplatz residiert, ist mit eigenen Umstrukturierungen und dem Zusammensetzen zerrissener Aktenschnipsel beschäftigt. Derweil sind Gregor Gysi und Manfred Stolpe zu Helden der alten Generation avanciert, weil sie mit advokatischer Kunstfertigkeit allen Vorwürfen widerstanden. Einen neuen ernsten Blick auf die Privatheit des Themas brachte der grandiose Film "Das Leben der Anderen", in dem Ulrich Mühe einen zwischen Treue und Verrat zerrissenen Stasi-Spitzel spielt.
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Jammerossi
Nur noch 38 Prozent der Ostdeutschen halten die Demokratie in Deutschland für die beste Staatsform. Das ergibt der Datenreport 2006 des Statistischen Bundesamtes. Die Ursache dieser Skepsis liegt im Umbruch begründet, der neben Freiheit und Erneuerung auch die Abwicklung des eigenen Betriebs und die Abschiebung in ABM mit sich brachte. Bereits kurz nach den Einheitsfeierlichkeiten befiel die Ostdeutschen Angst. Vor Arbeitslosigkeit. Vor Regeln, die man nicht kennt. Vor Veränderung, die man so nicht wollte. Vor Neonazis. Vor Ausländern. Vor den Drogen. Vor den Ausbeutern. Vor allem aber: Angst vor enttäuschten Hoffnungen. Dieses Gefühl drückt sich noch heute in Skepsis gegenüber dem demokratischen System aus, das man selbst herbeidemonstriert hat. Viele nehmen ein westdeutsches Desinteresse am Zusammenbruch ihrer Wirtschaftsbetriebe wahr und begegnen ihm bis heute mit ostdeutschem Trotz. Den Oligarchen der Nostalgieindustrie - Mitteldeutscher Rundfunk, Super-Illu und PDS - beschert diese Stimmung glänzende Quoten. Es ist paradox: Mitten im Vollzug der deutschen Einheit begann sich der in Auflösung befindliche Osten wieder als Osten zu definieren. Im Westen dagegen kann man das Gejammer langsam nicht mehr hören; nach 16 Jahren Solidaritätszuschlag müsse es nun bald mal genug sein. Wenn man das Jammern aber nicht als Undankbarkeit, sondern als Verletztheit begreifen würde, wenn man der ostdeutschen Urangst, zweiter Klasse zu sein, mit kleinen Gesten des Verständnisses begegnen würde und wenn sich endlich herumsprechen würde, dass nicht nur die Westdeutschen Solidaritätszuschlag zahlen, dann wären viele Ossis schon zufriedener.
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Kaufhalle
Geld musste niemand in die Einkaufswagen stecken, um sie loszumachen. Dafür gab es meist eine Schlange, um überhaupt eines der quietschenden Gefährte abzubekommen, an denen mindestens zwei von vier Rädern nicht durchdrehten. In den Kaufhallen von HO (Handelsorganisation) und Konsum gab es meist alle wichtigen Lebensmittel, allerdings nur in einer Ausführung. Gehungert hat niemand, selbst wenn unter dem Schild "Südfrüchte" lediglich Zitronen lagen. Eine Verwandlung erlebten die Kaufhallen mit der Währungsunion. Waren die Schaufenster in der Woche vor dem Stichtag noch leerer als sonst, warteten die mit glitzernden Gläsern und Geschenkartikeln aufgefüllten Regale in der Woche danach auf die ersten Mutigen, denen die lang ersehnte D-Mark nicht zu schade für ein Brot war. Die tosende Warenfülle hat nicht wenige Menschen überfordert. Meine Schulfreundin Ilonka ging in dieser Zeit fast jeden Tag in die Kaufhalle - der über Nacht Supermarkt hieß, aber bis heute nicht so genannt wird - und lernte die vielen neuen Obst- und Gemüsesorten unter dem alten "Südfrüchte"-Schild auswendig: Lychee, Mango, Avocado.
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Landschaften, Blühende
Als es darum ging, welcher Weg zur Einheit der Beste ist, sagte Bundeskanzler Helmut Kohl am 21. Juni 1990 im Deutschen Bundestag: "Nur der Staatsvertrag gibt die Chance, dass Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Sachsen bald wieder zu blühenden Landschaften werden können, in denen es sich für jeden zu leben und zu arbeiten lohnt." Inzwischen sind nahezu alle Städte und Straßen saniert, neue Wirtschaftszentren sind etwa in Jena, Dresden und Leipzig entstanden. Im Laufe der Jahre stellte sich allerdings heraus, dass die blühenden Landschaften nicht mit ostdeutschen Gartengeräten erschaffen werden sollten. Dummerweise brauchte man auch keine neuen Gärtner mehr. Der Westen, der sich lange als Deutschland genügte und dann den Osten einfach mitversorgte, produzierte ausreichend neue Geräte und Blütenträume mit seinen eigenen Gärtnern. Die Ossis hatten die Ehre, diesem Wirtschaftswunder beigetreten zu sein. Und es stimmte ja: Sie hatten sich selbst dafür entschieden. Inzwischen erblühen die Landschaften zwischen Thüringen und Mecklenburg tatsächlich, die Natur erobert sich verlassene Industriegelände zurück. Viele Ostdeutsche hatten sich die Marktwirtschaft gutmütiger erträumt. Sie hatten Kohl und dem von ihm ausgehaltenen letzten DDR-Ministerpräsidenten Lothar de Maiziére geglaubt, als sie versprachen, niemandem werde es schlechter gehen. Sie hatten der von beiden Politikern geschmiedeten "Allianz für Deutschland" bei der ersten freien Wahl in der DDR fast 50 Prozent geschenkt. Lothar de Maiziére, der auch Angela Merkels erste politische Schritte begleitete, fiel später über Stasi-Vorwürfe. Helmut Kohl wurde in Halle mit Eiern beworfen.
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Mauer
Jeder konnte sie sehen, aber gesprochen wurde über sie nicht. Manchmal drang sie ins Privatleben ein, etwa wenn ein Onkel zur Grenze musste, um seinen Armeedienst abzuleisten, oder wenn im Westfernsehen wieder ein Fluchtversuch geschildert wurde. Am Mutigsten waren die Fußballfans des Berliner Arbeiterklubs 1. FC Union, die bei jedem Freistoß den gegnerischen Spielern, die ein Abwehrbollwerk bildeten, zuriefen: "Die Mauer muss weg!" Jeder im Stadion an der Alten Försterei wusste, welches Bollwerk die Fans eigentlich meinten. Laut Erich Honecker sollte der angeblich "antifaschistische Schutzwall" die tapfere DDR noch 100 weitere Jahre vor den Imperialisten schützen. Mit meinen Eltern erholte ich mich jedes Wochenende in einem Kleingarten am Ost-Berliner Stadtrand, der Grenzstreifen war nur wenige Meter entfernt. Von drüben hörte man das Getümmel eines unsichtbaren Schwimmbads, nachts bellten Wachhunde. Man sah Hochhäuser, die im Schulatlas nicht eingezeichnet waren - dort war West-Berlin nur ein grauer Fleck mit dem Buchstaben WB. Die Erholung am Mauerstreifen hatte auch Vorteile: Beim Weggehen musste niemand die Lauben abschließen, Diebe brachen vorsichtshalber woanders ein. Über die Zahl der Toten an der innerdeutschen Grenze ist sich die Wissenschaft bis heute uneins - die Untersuchungen sprechen von 600 bis 1000 Menschen, davon etwa 200 in Berlin.
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NSW
Reisen ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet waren nur Privilegierten oder treuen Botschaftern des Fortschritts made in GDR vorbehalten. Das stachelte das Verlangen aller anderen nach Freiheit noch an. Für mich hatte die Sehnsucht die Form einer Klappkarte, auf der das Panorama von London zu sehen war. Meine Eltern hatten mir die Karte einmal zu Weihnachten geschenkt, ich war zehn oder elf Jahre alt. Im Innenteil standen Neujahrsgrüße auf Englisch, vorn war die Metropole drauf - der Tower mit Fahne, die Zugbrücke, rote Doppelstockbusse. Es gab viele Geschenke für mich in jenem Jahr: neue Klamotten, einen Schrank fürs Zimmer, teure Süßigkeiten. Doch das schönste von allen war die Grußkarte, die eine mir unbekannte Frau an einen unbekannten Mann geschrieben hatte und die meine Mutter irgendwie vom Verwandten eines Bekannten einer Arbeitskollegin besorgt hatte. Die Karte erfüllte eine Sehnsucht, die selbst die wunderschönen Familienurlaube in Bulgarien oder im weltstädtischen Budapest nicht erfüllen konnten. Ich habe die Karte bis heute aufbewahrt. Gleich nach der Währungsunion fuhr ich nach London, die Hälfte meiner Sprachreise konnte ich noch in DDR-Mark bezahlen. Endlich durfte ich die Vokabeln, die ich in fakultativen Schulstunden in Klassenräumen mit Big-Ben-Pappkulisse auswendig gelernt hatte, lebendig werden lassen. Ich war noch mit meinem DDR-Pass unterwegs, die britische Einreiseerlaubnis wurde gleich neben ein altes Russland-Visum gestempelt. Bei der Überfahrt mit der Fähre fiel mir auf, dass die Nordsee salziger als die Ostsee roch.
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Ostmark
Schon der Start der Währung ging schief. Am 24. Juni 1948 galt die Mark in der Sowjetischen Besatzungszone, doch anders als in der drei Tage zuvor im Westen eingeführten D-Mark füllten sich die Einkaufsregale mit Einführung der neuen Währung nicht. Wegen Papiermangels gab es nicht mal genügend neue Geldscheine, so dass Bankangestellte unter sowjetischer Bewachung alte Reichsmark mit Coupons überkleben mussten. Die DDR-Mark blieb bis zum Ende eine Binnenwährung. Am deutlichsten spürten das die Ostdeutschen, wenn sie in den Urlaub an den Balaton oder ans Schwarze Meer fuhren. Dort existierten beide deutsche Währungen nebeneinander - doch die eigenen Aluchips zählten nichts. Geld spielte auch in der DDR keine große Rolle, viel wichtiger war, was man relativ unabhängig von den Scheinen mit Clara-Zetkin- oder Karl-Marx-Aufdruck bekam und was nicht. Mein Onkel Joachim, der in der kleinen sächsischen Stadt Wolkenstein als Bauer lebte, brachte mit dem Trabbi immer die Eier seiner Hühner in den Konsum und bekam dafür 32 Pfennige. Danach konnte er sie im Laden zurückkaufen - für 25 Pfennige. Irgendetwas stimmte mit unserem Geld nicht. Das Irgendetwas hieß Planwirtschaft.
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PDS
Sie ist die eigentliche Volkspartei in Ostdeutschland, die sich ihrer eigenen Westausdehnung und Oskar Lafontaine zuliebe jetzt mit dem Namen Linkspartei tarnt. Star der PDS ist nach wie vor Gregor Gysi, weil er noch jeden gestandenen bundesdeutschen Politiker mit einem kunstvollen Rhetorikgewitter in den Talkshow-Wahnsinn treiben kann. Als die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands ihren in der DDR-Verfassung festgeschriebenen Führungsanspruch aufgeben musste, wurde sie kurzerhand in SED/PDS umbenannt. Symbolisch schwang Gysi damals einen Besen und rief die alten Bonzen zum Neuanfang zusammen. So groß könne gar kein Besen sein, um die Schande dieser Partei wegzuwischen, schimpften nicht nur meine Eltern. Fast jeder durchschaute, dass sich die Organisation der Unterdrückung nur nicht auflöste, weil sie ihr Altvermögen retten wollte. Aber immerhin noch 16 Prozent machten bei der ersten freien Wahl ihr Kreuz bei Gysi. Für viele Ältere war sein Besen wohl ein Symbol, dass es nicht nur Vergangenheit gibt, sondern dass es auch für sie weitergeht. Insofern ist die PDS auch ein Mittel zur Integration besonders hartnäckiger Jammerossis ins gemeinsame Deutschland. Inzwischen regiert die Partei in der Hauptstadt mit und spart mit Klaus Wowereit, bis es quietscht. Die Altkader in der Partei sind nicht amüsiert, passen sich aber an - wie früher.
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Quotenossis
Auch wenn bei der Wiedervereinigung der Anschluss eines Beitrittsgebietes vollzogen wurde, so wollten doch viele westliche Institutionen nicht ganz auf die Ostdeutschen verzichten. In der ersten gesamtdeutschen Bundesregierung von Helmut Kohl durften drei Quotenossis mitmachen. Die schillerndste Figur war Dr. Günther Krause, der als DDR-Innenminister den Einheitsvertrag ausgehandelt hatte. Er gab hernach den Bundesverkehrsminister, stolperte aber alsbald über den dubiosen Verkauf der ostdeutschen Autobahnraststätten und eine Putzfrauenaffäre. Außerdem dabei war Prof. Dr. Rainer Ortleb als Bildungsminister, der wegen der nach eigener Aussage "langweiligen Bonner Sitzungen" und gesundheitlicher Probleme ausschied. Die Dritte im Bunde hielt dagegen durch bis zum Schluss: Frauen- und Jugendministerin Dr. Angela Merkel. Sie konnte sich in den Folgejahren erfolgreich vom Image des Quotenossis ("Kohls Mädchen") befreien. Heute gilt sie als Physikerin der Macht, erste Frau im Kanzleramt und, ach ja, als Ostdeutsche.
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Rübermachen
Flüchtlinge waren offiziell Verräter, ihnen drohten (sofern sie dem Tod an der Mauer entgangen waren) mehrjährige Haftstrafen. Nach dem Mauerbau flüchteten 95.000 Menschen in den Westen. Hinzu kamen Hunderttausende, die mit Ausreiseanträgen und der Berufung auf die von der DDR unterzeichnete Menschenrechtskonvention von Helsinki versuchten, auf offiziellem Wege in den Westen zu kommen. Mein Freund Ricardo reiste 1988 mit seinen Eltern nach Frankfurt am Main aus. Einen Tisch und vier Stühle durfte die Familie damals mitnehmen, dazu eine Kiste mit 12 Sektgläsern, 10 Sammeltassen, 30 Matchboxautos sowie einen Wäschekorb mit 3 Kopfkissen, ein Paar Kinderhausschuhen und 100 Wäscheklammern - alles sorgfältig protokolliert von der Ost-Berliner Umzugsfirma. Im Zug, der die Familie schließlich in den Westen brachte, brüllte ein Soldat: "Wir überqueren die Grenze erst, wenn Sie Ihre letzten 20 DDR-Mark in der Mitropa ausgegeben haben." Im Sommer 1989 kam es zur Massenflucht ins andere Deutschland. Tausende DDR-Bürger retteten sich nach ihrem Sommerurlaub in die bundesdeutschen Botschaften von Prag und Budapest. Nach Verhandlungen wurden sie von der DDR "ausgewiesen", die Durchfahrt der Sonderzüge aus Prag am 4. Oktober 1989 löste Krawalle am Dresdner Hauptbahnhof aus. Angesichts der Rübermacher erhöhten die Hierbleiber den Reformdruck in der DDR. Alle Ostdeutschen, die vor dem Mauerfall in den Westen gegangen sind, haben die Wende früher erlebt. Selbst wenn es nur einige Wochen eher in die Bundesrepublik integriert wurden, ihr Erfahrungsvorsprung gegenüber den anderen Ostdeutschen scheint bis heute uneinholbar. Sie sagen auch nicht "drüben", wenn sie von Westdeutschland sprechen.
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Sputnik
So hießen die Weltraumsatteliten, die die Sowjetunion ins All schoss, um die Überlegenheit des Kommunismus zu beweisen. In der DDR hatte der "Sputnik" eine eigene Bedeutung - denn diesen Titel (russisch für "Begleiter") trug eine Zeitschrift aus der Sowjetunion, die monatlich auf Glanzpapier erschien. Mit Glasnost, Perestroika und Gorbi kam mit dem "Sputnik" auch ein wenig Meinungsfreiheit in den Osten. Für meine kleine Schülerzeitung (sie trug den Namen "Brennpunkt") schrieb ich Artikel ab, in denen es um die Verschuldung der sozialistischen Länder oder um Umweltprobleme ging, die in der DDR nicht besprochen wurden. Doch im November 1988 kam der von meinen Eltern abonnierte "Sputnik" nicht mehr; die DDR-Post hatte die Auslieferung gestoppt. "Der Sputnik bringt keinen Beitrag, der der Festigung der deutsch-sowjetischen Freundschaft dient, statt dessen verzerrende Beiträge zur Geschichte", hieß es im SED-Organ "Neues Deutschland", das ich mir extra wegen dieser Nachricht am Kiosk holte. Neben den Verhaftungen von Oppositionellen nach der offiziellen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration (Januar 1988), dem Rausschmiss mehrerer Schüler in Berlin-Pankow wegen kritischer Wandzeitungsartikel (September 1988) und der von Bürgerrechtlern nachgewiesenen Fälschung der Kommunalwahlen (Mai 1989) war das "Sputnik"-Verbot ein weiterer dicker Tropfen in das langsam überlaufende Fass DDR.
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Tisch, Runder
Nun ja, der Runde Tisch war eckig. Angetreten "aus tiefer Sorge um unser in eine Krise geratenes Land" versammelten sich alte und neue Kräfte ab Dezember 1989 am eilig zusammengeschobenen Diskussionsforum. Rasch wurde die Runde im Berliner Schloss Niederschönhausen zur bestimmenden politischen Institution der untergehenden DDR. In ihrem ersten Programm forderten die Diskutanten den neuen Regierungschef Hans Modrow auf, die ökonomische und ökologische Situation des Landes offen zu legen und den Runden Tisch in wichtige politische Entscheidungen einzubeziehen. Nachdem die SED/PDS versuchte, Privilegien zu retten und eine Nachfolgebehörde für die Stasi aufzubauen, revoltierten die Revolutionäre. Modrow musste am Runden Tisch erscheinen und das außerparlamentarische Gremium akzeptieren. Die Oppositionellen ließen sich von ihm später sogar in die Regierung locken. Am Zentralen Runden Tisch, der viele Nachahmer bis hinunter in die Stadtbezirke fand, wurden Medien-, Parteien- und Wahlgesetze erarbeitet und der erste freie Urnengang im März 1990 vorbereitet. Zwar erschien die Politik am Runden Tisch für Ostdeutsche ungewohnt unübersichtlich, dafür voller Spannung und Dramatik. Das Ergebnis der ersten Bundestagswahl im Dezember 1990 in unserem Stimmbezirk in Berlin-Pankow notierte ich mir auf einem Zettel: PDS 244 Stimmen, SPD 237, CDU 185, Bündnis 90 116, FDP 78, Grüne 18, Graue 12, Republikaner 11. Die Spartakist-Arbeiterpartei Deutschlands erhielt eine Stimme. So sah also Demokratie aus. Zu dieser Stunde war der Runde Tisch längst Geschichte, inklusive seines kühnen Verfassungsentwurfs. Wie aufmerksam die Menschen die vom Fernsehen übertragenen Debatten dennoch verfolgten, spürte der zerzauselte Bürgerrechtler Werner Schulz. Er bekam von besorgten Zuschauerinnen zehn Krawatten zugeschickt.
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Umbruch
Das Wort Wende ist eigentlich falsch. Es suggeriert, dass jemand, der den Überblick hatte, die Dinge zum Besseren gewendet hat. Doch es hatte niemand den Überblick zwischen Oktober 1989 und Oktober 1990, ich kannte jedenfalls keinen. Am wenigsten traf das auf Kurzzeit-SED-Chef Egon Krenz zu, der das Wort "Wende" prägte. Trotzdem beschreibt der griffige Begriff das Lebensgefühl eines ganzen Volkes, das sprunghaft die Seiten wechselte. Politisch korrekter, weil die Dramatik und den wirtschaftlichen und sozialen Wandel besser beschreibend, ist das Wort Umbruch. Die romantische, die Helden der Demonstrationen hervorhebende Variante nennt sich Friedliche Revolution. Doch beide Begriffe haben sich als zu kompliziert fürs kollektive Gedächtnis herausgestellt. Das Wort der Zeit hieß sowieso anders: Wahnsinn. Es war nicht nur das Westgeld, das den Seitenwechsel in ein tiefes Hochgefühl ummünzte, nicht der Kassettenrekorder, den ich mir für 99 von 100 D-Mark Begrüßungsgeld kaufte, nicht die Kiwi, für die ich danach die letzte Mark ausgab. Viel mehr Glückseligkeit lag in jener Szene, in der meine Mutter den türkischen Gemüsehändler in Kreuzberg fragte, wie man die Kiwi denn kochen muss. Sein wohlwollendes, unsere Familie in sein Leben einschließendes Lachen schallt bis heute in meinen Ohren: "Schälen, nicht kochen." Und er schenkte uns eine zweite Kiwi zum Üben. Solch eine peinlich-schöne Begebenheit aus dem Wende-Wahnsinn kann jeder Ostdeutsche erzählen, wenn er gefragt wird.
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Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik über die Herstellung der Einheit Deutschlands
Der Einigungsvertrag war so, wie ihn die große Mehrheit der DDR-Bevölkerung haben wollte - ohne Spurenelemente der DDR. Bangend verfolgten viele Bürgerrechtler, die sich mit dem Wunsch einer gleichberechtigten Vereinigung nicht durchsetzen konnten, die letzte nächtliche Verhandlungsrunde vor der Wiedervereinigung. In dieser setzte Lothar de Maizière immerhin den ostdeutschen Abtreibungs-Paragrafen und die Schaffung einer Behörde für Stasi-Akten durch. Das Bundesinnenministerium von Wolfgang Schäuble hatte die Papiere am liebsten verschwinden lassen wollen. Am 3. Oktober 1990, der ohne erkennbaren Sinn für den Vollzug des Beitritts festgesetzt worden war, sangen Schäuble, Kohl und all die anderen vor dem Reichstag die Nationalhymne auf die schrägste Art. Meine Familie gönnte sich vor dem Fernseher eine Portion deutsch-deutscher Schadenfreude und feierte mit Rotkäppchen-Sekt, Wunderkerzen und Beethovens "Hymne an die Freude" unter der Leitung des Leipziger Dirigenten Kurt Masur. Noch heute hören wir die Musik zu festlichen Anlässen.
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Wendehals
Das Schönste am Überleben des Wortes Wende ist sein kleiner Wortsbruder Wendehals. So bezeichnete man alle Kader, die in den rasenden Monaten des Umbruchs fluchtartig ihre Meinungen wechselten. Vertraten sie eben noch die Positionen der SED-hörigen Bauernpartei, traten sie plötzlich für die schnelle Einheit ein und machten Karriere als Manager einer privatisierten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Die ehrgeizigen Wendehälse konnten die Gefühle der Wende - Wahnsinnslust, Freiheitsdrang und Angst - in sich am besten niederhalten; im Schimpfen der Gruppe auf sie lag auch ein wenig Neid. Im Grunde aber waren die alt gebliebenen Karrieristen bedauernswert. Als größter Wendehals wurde Egon Krenz angesehen, der als Chef der Wahlkommission die gefälschten Kommunalwahlen im Mai 1989 zu verantworten hatte. Außerdem hatte er lobende Worte für die chinesischen Machthaber gefunden, die die Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens mit Panzern niederwalzen ließen. Wenige Monate später stellte sich der SED-Karrierist mit dem schmierigen Lächeln als Reformer dar, der den Dialog mit der Opposition suchte. Doch dem "Jubelperser des Politbüros" (Wolf Biermann) glaubten die wenigsten. Berühmt wurde ein Plakat von der Millionen-Demonstration auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989. Darauf war ein Porträt von Egon Krenz gemalt, darunter stand die Frage: "Großmutter, warum hast Du so große Zähne?" In der Tierwelt beschreibt Wendehals einen Vogel von grauer Farbe mit einem kurzen Schnabel. Er ähnelt äußerlich einer Drossel, vermag es aber besser, ruckartig seinen Kopf zu bewegen.
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SeX
Die Mauer im Bett - auf diesen dummen Slogan mag leider keine der zahlreichen Studien zum Thema Ost-West-Partnerschaften verzichten.
Doch manche lustig klingende Thesen entbehren wohl nicht einer gewissen Wahrheit, beispielsweise die: "Westmädchen mit Hausfrau-Müttern haben seltener sturmfrei, ostdeutsche Mädchen nehmen deutlich früher die Pille." (Wiebke Rösler, Humboldt-Universität Berlin) Angeblich haben Westfrauen ein vergleichsweise schlechteres Bild von Ostmännern als Westmänner von Ostfrauen. Soziologisch gesehen liegen die Dinge trotz vieler aufregender Gegenbeispiele leider so: Frauen aus dem Westen (das kann schon der Südwesten von Berlin sein) beurteilen Männer aus dem Osten vor allem als zuverlässig, kompromissbereit und einfühlsam - Eigenschaften, die man nicht nur von seinem Partner, sondern auch von seiner Freundin oder Mutter erwartet. Wiebke Rösler schreibt dazu süffisant: "Zwar erscheinen diese Merkmale den Westfrauen als wichtig, jedoch machen sie allein einen Mann nicht attraktiv." Attraktiv sein bedeutet für Frauen und Männer nach nahezu allen seriösen Erhebungen etwas ganz anderes, egal woher sie stammen. Frauen ist demnach generell Status wichtiger, Männern geht es eher um Schönheit. Status im Osten zu erwerben ist allerdings schwierig, dazu bedarf es keiner großen Untersuchungen. Es genügen zwei Zahlen aus der Zeitung: Nach wie vor verfügen ostdeutsche Haushalte nur über die Hälfte des Geldvermögens westdeutscher Haushalte, nach wie vor beträgt die Arbeitslosenquote durchschnittlich das Doppelte.
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Ypsilon
Es gibt Dinge, die trotz des Umbruchs geblieben sind, wie sie waren. Dazu gehören die Sternenbilder am Firmament, das Ampelmännchen mit Hut an mancher Straßenkreuzung und die Tatsache, dass man mit Ypsilon kein vernünftiges Wort bilden kann.
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Zahlen, bitte!
Im 17. Jahr der Deutschen Einheit fällt selbst die Bilanz der Bundesregierung ziemlich traurig aus. Noch einmal 20 Jahre werden nach den Worten von Regierungs-Quotenossi Wolfgang Tiefensee bis zu einem selbst tragenden Wirtschaftsaufschwung in Ostdeutschland vergehen. Bislang wurden mehr als 250 Milliarden Euro direkte Aufbauhilfe investiert, weitere 156 Milliarden sind im Solidarpakt II bis 2019 zugesagt. Viele jüngere Ostdeutsche wollen sich darauf nicht verlassen. Nach Angaben der Bundeszentrale für Politische Bildung hat der Osten 1,4 Millionen Menschen durch Abwanderung in Richtung Westen verloren, vor allem junge Frauen. Bei einer Langzeit-Befragung von mehr als 400 ostdeutschen Jugendlichen (ihr heutiges Durchschnittsalter beträgt 33 Jahre) durch den Leipziger Soziologen Peter Förster kommt seit den Umbruch Jahr für Jahr das gleiche Ergebnis zustande: Etwa 80 Prozent fühlen sich als Bundesbürger. Wenn sie aber gefragt werden, ob sie sich auch als DDR-Bürger fühlen, bejahen das ebenfalls rund 80 Prozent. Das neue Land ist für die große Mehrheit der Ankömmlinge nur eine Hülse, in der sie ihr Leben ausgestalten, so wie sie die DDR auch als Hülse kennen gelernt haben. An die Veränderungsmacht eines Staates und seiner Institutionen glaubt nach dem erlebten Crash kaum noch jemand.
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