
Der Wende-Verlauf
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1985 |
11. März 1985Michail Gorbatschow wird Generalsekretär der KPdSU. Wegen seiner Reformen von Glasnost und Perestroika avancieren "Gorbi"-Sticker in der DDR bald zur begehrten Bückware. Bei der Jugendweihe geloben die Jungen und Mädchen wieder gerne die Freundschaft zur Sowjetunion. Als in Warschau, Budapest und Prag die Demokratie Einzug hält, schickt Gorbatschow keine sowjetischen Panzer. Ein Zeichen, das in Ost-Berlin jeder zu verstehen weiß. | |
1986 |
4. April 1986Auf der Synode der Berlin-Brandenburgischen Kirche beklagt Bischof Gottfried Forck die "tiefe Resignation" in der Gesellschaft. Die Evangelische Kirche, dem Staat bislang in einem kritischen Dialog verbunden, wird mehr und mehr zum Schutzdach der Friedens- und Umweltgruppen. So lockt sie die in ihrer großen Mehrheit atheistischen Bürger auch vor und nach Weihnachten in die Kirchen. | |
1987 |
7. bis 11. September 1987Erich Honecker besucht die Bundesrepublik und wird von Helmut Kohl trotz aller Sonntags-Einheitsreden mit militärischen und protokollarischen Ehren empfangen: zwei Fahnen, zwei Staatssymbole, zwei Hymnen. Honeckers Abstecher in seine saarländische Heimatstadt Wiebelskirchen lässt bei den Daheimgebliebenen die Frage aufkommen, warum sie eigentlich nicht ihre Westverwandten besuchen dürfen. Die Ausreiseanträge gehen mittlerweile in die Hunderttausende. | |
8. Dezember 1987Sowjetchef Michail Gorbatschow und US-Präsident Ronald Reagan unterzeichnen in Washington den Vertrag zur Beseitigung aller landgestützten Mittelstreckenraketen. Die von der SED offiziell unterstützte Abrüstungspolitik verträgt sich allerdings immer weniger mit dem propagierten "Kampf für den Frieden". In den Schulen stellen immer mehr Eltern die Frage, warum ihre Kinder ins Wehrlager müssen. | ||
1988 |
17. Januar 1988Bei der alljährlichen "Kampfdemonstration" zu Ehren von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zeigen Oppositionelle erstmals eigene Plakate. Auf denen wird Rosa Luxemburg zitiert: "Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden". Staatssicherheit und Polizei reagieren mit Verhaftungen und Ausweisungen. Doch die Taktik, die SED bei den Worten ihrer Vorbilder zu nehmen, spricht sich herum. | |
25. Januar 1988Die Staatssicherheit verhaftet führende Mitglieder der Friedensbewegung, unter ihnen Freya Klier, Bärbel Bohley, Wolfgang Templin und Ralf Hirsch. Sie landen im geheimen Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen - ein riesiges verbotenes Gelände, das auf keinem Stadtplan verzeichnet ist. Erst nach dem Umbruch wird deutlich, wie isoliert die angeblichen Staatsfeinde hier waren. 300 Verwahr- und Vernehmerräume reihen sich aneinander. In Gummizellen sollte der Wille renitenter Häftlinge gebrochen werden, Bewegung an der frischen Luft war nur in Käfigen von vier mal zehn Metern gestattet. Die Zentrale der Unterdrückung ist heute eine Gedenkstätte. Sie wird jährlich von 100.000 Menschen besucht, ein Drittel davon Schüler. | ||
12. September 1988An der Carl-von-Ossietzky-Schule in Berlin-Pankow protestieren Schüler an der Wandzeitung gegen die Militärparaden zum Republik-Geburtstag. Der Widerstand an der Eliteschule spricht sich bis ins Politbüro herum, Bildungsministerin Margot Honecker reagiert: Vier Abiturienten werden von der Schule geworfen. Die Frau des Staats- und Parteichefs ist längst eine Hassfigur in der Bevölkerung - wegen ihrer rigorosen Schulpolitik und wegen ihrer lila gefärbten Lockenhaare. | ||
19. November 1988Die DDR-Post stellt die Auslieferung der kritischen sowjetischen Zeitschrift "Sputnik" ein (siehe Wendelexikon). Längst hat sich die DDR-Führung vom Vorbild Sowjetunion verabschiedet. SED-Chefideologe Kurt Hager liefert dafür die eigenwilligste Erklärung: "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" Hager bekommt daraufhin im Volksmund den Spitznamen "Tapeten-Kutte" verpasst, seine ideologischen Erklärungen nennt man "Hagerquark". | ||
1989 |
19. Januar 1989"Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind." (Erich Honecker zur Eröffnung des Thomas-Müntzer-Jahres) | |
7. Mai 1989Die Kommunalwahlen erbringen 98,85 Prozent für die von der SED angeführten "Kandidaten der Nationalen Front". Das ist erstmals ein Ergebnis unter 99 Prozent, aber dennoch weit übertrieben. Kirchen- und Oppositionsgruppen weisen Wahlfälschungen nach - ein Aufreger, der der DDR bis zu ihrem Ende erhalten bleibt. | ||
7. Juni 1989Erich Honeckers Ziehsohn Egon Krenz verteidigt die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung in China als "nur etwas, was die Ordnung wiederherstellt". Panzer hatten Studenten auf dem Pekinger "Platz des Himmlischen Friedens" einfach niedergewalzt. Im Verlaufe des Umbruchs wächst deshalb die Angst vor einer "Pekinger Lösung". | ||
August 1989In den Botschaften der Bundesrepublik in Prag und Budapest sowie in der Vertretung in Ost-Berlin sammeln sich Tausende DDR-Bürger, die auf eine Ausreisemöglichkeit hoffen. In der Heimat macht ein Witz der Ausreiser die Runde: "Was heißt DDR? Der Dumme Rest." | ||
11. September 1989Ungarn öffnet die Grenze zu Österreich. In einem Monat wechseln 20.000 DDR-Bürger allein an dieser Nahtstelle die Seiten. Die Hierbleiber organisieren derweil den Widerstand. Das "Neue Forum" gründet sich und fordert "Gerechtigkeit, Demokratie, Frieden sowie Schutz und Bewahrung der Natur". Zehntausende unterschreiben den Aufruf. Die SED-Führung spricht von einer "staatsfeindlichen Gruppierung" und lehnt eine Zulassung ab. Langsam wird's ernst. | ||
18. September 1989Die erste Montagsdemo in Leipzig zählt 1.500 Teilnehmer und 130 Festnahmen. | ||
30. September 1989"Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise …" Der Rest ist Jubel in der bundesdeutschen Botschaft in Prag. 4.000 Menschen sind frei, Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher bricht seine Rede ab. Erich Honecker höchstpersönlich segnet einen Kommentar der DDR-Nachrichtenagentur ADN ab. Darin heißt es über die Flüchtlinge: "Sie alle haben durch ihr Verhalten die moralischen Werte mit Füßen getreten und sich selbst aus unserer Gesellschaft ausgegrenzt. Man sollte ihnen deshalb keine Träne nachweinen." | ||
2. Oktober 1989Leipzig: 15.000. Erste Rufe "Wir sind das Volk". | ||
4. Oktober 1989Straßenschlachten am Dresdner Hauptbahnhof. Menschen versuchen, auf die acht aus Prag durchfahrenden Flüchtlingszüge aufzuspringen. Die Staatsmacht macht deutlich: Gewalt ist für sie eine Lösung. Jeder spürt, dass eine Entscheidung naht. Meine Eltern packen die wichtigsten Sachen zusammen - "falls wir mal dringend wegmüssen", sagen sie mir. | ||
7. Oktober 198940 Jahre DDR: Im Berliner Stadtzentrum feiert die Staatsführung mit Fackelumzügen und Militärparaden. Während im Palast der Republik die Parteiprominenz das "Filetensemble Trianon" verspeist und sich von "Pop-aktuell" mit Carmen Nebel unterhalten lässt, stehen draußen Demonstranten und rufen "Gorbi, hilf uns". Kaum ist der bei Erich Honeckers Paraden genervt zur Uhr blickende Michail Gorbatschow am späten Abend abgeflogen, verprügeln und verhaften Stasi und Bereitschaftspolizei Tausende Menschen auf der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg. Ich bleibe an jenem Tag mit meinen Eltern vorsichtshalber zu Hause in Pankow und sehe die Partyposse im Westfernsehen. Zitate des Tages: "Totgesagte leben länger." (Erich Honecker); "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben." (Michail Gorbatschow); "Jetzt ist Schluss mit dem Humanismus." (Erich Mielke bei der Ausgabe des Prügelbefehls). | ||
9. Oktober 1989Rund um Leipzig fahren Panzer auf, die Messehallen werden für die Unterbringung von Häftlingen geräumt, die Krankenhäuser für Verletzte. Die Menschen auf der Montagsdemo rufen "Keine Gewalt", es kommen 70.000 Helden. Nach einem Appell des Leipziger Gewandhaus-Kapellmeisters Kurt Masur und lokaler SED-Größen wird der Bürgerkrieg im letzten Moment abgesagt. Die Deutsche Demokratische Republik hat ihren Todeskampf verloren. | ||
16. Oktober 1989Leipzig: 150.000 | ||
18. Oktober 1989Erich Honecker verliest im Politbüro eine Rücktrittserklärung "aus gesundheitlichen Gründen", steht auf und geht nach 18 Jahren Herrschaft zur Tür hinaus. Nachfolger wird Egon Krenz. Seine erste Ansprache ans Volk beginnt er mit den Worten: "Liebe Genossinnen und Genossen …" Damit hat er seine Chance schon verspielt. | ||
23. Oktober 1989Leipzig: 300.000 | ||
26. Oktober 1989Die Dresdner SED von Bezirkschef Hans Modrow initiiert einen Dialog mit dem Volk. Berlins SED-Chef Günter Schabowski trifft zwei Vertreter des "Neuen Forums". Egon Krenz kündigt eine Amnestie für Flüchtlinge an, die zurückkehren. Die Grenzen zur Tschechoslowakei werden wieder geöffnet. Alles zu spät. | ||
30. Oktober 1989Leipzig: 500.000 | ||
4. November 1989Berlin: 1.000.000 Die schönsten Plakate auf dem Alexanderplatz: Demokratie krenzenlos / Erst verhauen - dann vertrauen? / DDR=SED, das tut weh / Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Stasi-Mann? / Freie Presse für freie Menschen / Wir wollen uns beim Wählen quälen / Visafrei bis Hawaii / Wir denken nicht anders - wir denken / Aufstehen und sich widersetzen / Mielke schmeiß' ne Abschiedslage, denn wir zählen deine Tage / Daß ich das noch erleben darf / Wer gestern noch für Stalin war, steht heute als Reformer da / Lieber eine Wanze im Bett als in der Steckdose / China, Knüppel, Wahlbetrug, Egon Krenz, es ist genug / Privilegien für alle / ND - Nein Danke / Vorschlag für den 1. Mai: Die Führung zieht am Volk vorbei / Egon Krenz redet Kohl. | ||
6. November 1989Leipzig: 500.000 | ||
7. November 1989Die Regierung legt ein neues Reisegesetz vor. Die Volkskammer, noch immer nicht frei gewählt, aber schon gewendet, lehnt das Gesetz als unzureichend und bürokratisch ab. Die Regierung von Ministerpräsident Willi Stoph tritt zurück. Der Druck der Straße wirkt. Und die "Aktuelle Kamera" wird von Tag zu Tag spannender. | ||
9. November 1989"Das tritt nach meiner Kenntnis - ist das sofort, unverzüglich …", stottert Günter Schabowski (siehe Wende-Lexikon). Es folgt die Nacht der Nächte in Berlin. Als die Mauer aufgeht, schlafen die meisten schon. Draußen werden Träume wahr. | ||
10. November 1989"Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört", jubelt Willy Brandt vor dem Rathaus Schöneberg. In den kommenden drei Tagen reisen drei Millionen DDR-Bürger zum Feiern, Schauen und Kaufen in die Bundesrepublik. In Richtung Bayern gibt es besonders lange Staus, dort warten neben 100 D-Mark Begrüßungsgeld noch 40 DM extra. | ||
13. November 1989Leipzig: 500.000. Die Volkskammer wählt Hans Modrow zum Ministerpräsidenten und darf erstmals Erich Mielke befragen. Den alten Minister für Staatssicherheit bringt das völlig aus der Fassung. Hilflos meint er: "Aber ich liebe doch alle!" | ||
20. November 1989Leipzig: 250.000. Erste Rufe "Wir sind ein Volk" statt "Wir sind das Volk". | ||
24. November 1989Egon Krenz, noch immer Staats- und Parteichef, gibt nach: Die führende Rolle der SED soll aus der Verfassung gestrichen werden. Währenddessen bringt die Jugendsendung "Elf99" erstmals eine Fernsehreportage aus der Siedlung Wandlitz bei Berlin, in der das SED-Politbüro gewohnt hatte. Die Bilder von mit edlen Westkonserven vollgestopften Lagerhallen brennen sich in das Gedächtnis aller Ostdeutschen ein, die im Gemüseladen an ihrer Ecke manchmal nur blühende Kartoffelknollen vorfanden. | ||
26. November 1989Notruf der Oppositionsgruppen: In einem Appell "Für unser Land" plädieren sie für eine eigenständige DDR und warnen vor einem Ausverkauf. Doch die eigenständige DDR hat laut Wirtschaftministerin Christa Luft zehn Milliarden Dollar Nettoschulden. Und hinter der offenen Grenze lockt täglich der Luxus. | ||
28. November 1989Helmut Kohl lockt mit dem Luxus. Im Bundestag verkündet der Kanzler einen Zehn-Punkte-Plan zur Überwindung der deutschen Teilung. Die zweite Wende beginnt. | ||
1. Dezember 1989Der Führungsanspruch der SED wird aus der Verfassung gestrichen. Das "Neue Forum" verzettelt sich im Streit über die Ausrufung eines Generalstreiks. Die Macht liegt auf der Straße. Niemand hebt sie auf. | ||
3. Dezember 1989Wieder so ein Wahnsinns-Tag voller Nachrichten, die normalerweise für ein Jahr reichen: Zentralkomitee und Politbüro der SED treten geschlossen zurück, es hat sich ausgekrenzt. Der DDR-Devisenbeschaffer und, wie sich schnell herausstellen soll, Waffenhändler Alexander Schalck-Golodkowski ist spurlos verschwunden. Erich Honecker, Erich Mielke und andere Spitzengenossen werden aus der SED ausgeschlossen. Der langjährige Gewerkschaftschef Harry Tisch wird wegen des Verdachts der Untreue verhaftet. Die ostdeutschen Sozialdemokraten sprechen sich für eine Konföderation beider deutscher Staaten aus. Und Hunderttausende Menschen bilden eine Menschenkette für Demokratie vom Erzgebirge bis zur Ostsee - sie weist kaum Lücken auf. | ||
6. Dezember 1989Krenz tritt auch als Staatschef zurück, Schalck stellt sich. Eine kurze Verschnaufpause für die Menschen, um sich um Weihnachtsgeschenke zu kümmern. Aber was schenkt man, wenn plötzlich alles zu haben ist? | ||
7. Dezember 1989Der Zentrale Runde Tisch trifft sich zu seiner ersten Sitzung. Vertreter von 14 Parteien und Gruppen wollen die Demokratisierung kontrollieren, eine neue Verfassung ausarbeiten und freie Wahlen vorbereiten (siehe Wende-Lexikon). In den folgenden Tagen positionieren sich die Parteien neu. Die SED nennt sich SED/PDS und wählt Gregor Gysi zum neuen Chef. Die CDU will keine Blockflöte der SED mehr sein und wählt Lothar de Maiziére zum neuen Chef. Der Demokratische Aufbruch will keine sozialistischen Experimente und wählt Wolfgang Schnur zum neuen Chef. Alle drei Männer sind Rechtsanwälte - in unsicheren Zeiten wünschen die Menschen offenbar eine Rechtsberatung. | ||
18. Dezember 1989Jahresabschluss in Leipzig: 100.000 gedenken mit Kerzen einem revolutionären Jahr. | ||
22. Dezember 1989Jahresabschluss in Berlin: 100.000 feiern mit Wunderkerzen die Öffnung des Brandenburger Tors. Hier tanzt Deutschland von nun an jedes Silvester ins neue Jahr. Eine Fanmeile der Einheit. |
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1990 |
15. Januar 1990Bürgerrechtler und Zehntausende Demonstranten erstürmen die Stasi-Zentrale in Berlin-Lichtenberg, um eine weitere Vernichtung der Akten zu verhindern. Sie stoßen auf heiß gelaufene Papierschredder, üppige Lebensmittelvorräte und Geruchskonserven in Gläsern. Diese waren Oppositionellen abgenommen worden, um sie mit Spürhunden verfolgen zu können. Regierungschef Hans Modrow (SED/PDS) zögert auffallend lange, den unheimlichen Geheimdienst aufzulösen. Im Volk wächst wieder Wut. | |
23. Januar 1990Die Macht der SED bröckelt. Das mehrere Meter hohe Parteizeichen an der Fassade der Berliner Zentrale, das zwei ineinander greifende Hände zeigt, wird abmontiert und abtransportiert. Außerdem kehren Dutzende prominente Mitglieder, darunter Dresdens Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer, der Partei den Rücken und fordern deren Auflösung. Für den symbolischen SED-Händedruck - einst Zeichen der (erzwungenen) Vereinigung von Kommunisten und Sozialdemokraten - haben sich die Menschen auf der Straße längst ein neues Synonym erdacht: Und Tschüss! | ||
25. Januar 1990Regierungskrise: Die CDU zieht ihre Minister zurück. Der erste Wahlkampf in der DDR-Geschichte beginnt. | ||
5. Februar 1990Regierungskrise beendet: Acht Oppositionsvertreter vom Runden Tisch treten als Minister in eine "Regierung der Nationalen Verantwortung" ein. Die SED/PDS nennt sich fortan nur noch PDS. Die Bürgerrechtsgruppen um das "Neue Forum" bilden ein "Bündnis 90". Die drei konservativen Parteien CDU, DSU und Demokratischer Aufbruch schmieden die "Allianz für Deutschland" - eine Wahlkampfidee von Helmut Kohl. Auf schwarz-rot-goldenen Flyern wirbt die Allianz mit dem Slogan: "Nie wieder Sozialismus - Ja! zu Freiheit und Wohlstand". | ||
13. Februar 1990Die neue DDR-Regierung ist zu Besuch in Bonn. Die Vorbereitung einer Währungsunion wird vereinbart. Eine vom Runden Tisch erbetene Soforthilfe für die DDR-Wirtschaft wird abgelehnt. Vor der ersten freien Wahl passiert nichts mehr. | ||
1. März 1990Karl-Marx-Stadt: 200.000 feiern Bundeskanzler Helmut Kohl, der im Namen der "Allianz für Deutschland" die schnelle Vereinigung auf Grundlage des Grundgesetzes, die sofortige Einführung der D-Mark und einen Umtauschkurs von 1:1 für alle Sparguthaben verspricht. In Berlin wird eine Treuhandanstalt gegründet, die volkseigene Kombinate in private Kapitalgesellschaften umwandeln soll. Sie soll später traurige Berühmtheit als "Anstalt für Abwicklung" erlangen. | ||
12. März 1990Die Revolution geht zu Ende. Zehntausende kommen zum Abschluss der Leipziger Montagsdemos. In Berlin tagt zum letzten Mal der Runde Tisch. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs treffen sich mit Vertretern beider deutscher Staaten zu "Zwei-plus-Vier-Verhandlungen" über die Einheit. Wolfgang Schnur entpuppt sich derweil als der falsche Rechtsanwalt. Der Chef des Demokratischen Aufbruchs fliegt als Stasi-Spitzel auf und wird von seiner Partei nach drei Tagen des Schweigens abgesetzt. Die Pressekonferenz mit dem neuen Vorsitzenden Rainer Eppelmann, einem Pfarrer, leitet eine gewisse Angela Merkel. | ||
18. März 1990Die ersten freien Wahlen: CDU 40,8 Prozent / SPD 21,9 / PDS 16,3 / DSU 6,3 / Liberale 5,3 / Bündnis 90 2,9 / Bauernpartei 2,2 / Grüne 2,0 / Demokratischer Aufbruch 0,9. Wahlbeteiligung: 94 Prozent. Zitate des Tages: "Ich hoffe, dass wir schon im Sommer mit richtigem Geld reisen können." (Wahlgewinner Lothar de Maizière); "Die DDR wird nichts sein als eine Fußnote in der Weltgeschichte." (Schriftsteller Stefan Heym); "Die Leute haben das hier gewählt." (Sozialdemokrat Otto Schily, während er eine Banane in die Kameras hält). | ||
18. April 1990Lothar de Maizière hält als Ministerpräsident einer Koalition von Allianz-Parteien, SPD und Liberalen seine erste Regierungserklärung. In einer bemerkenswerten Rede vor der Volkskammer, die endlich ihren Namen verdient, erinnert er an den friedlichen Umbruch und mahnt einen ehrlichen Umgang mit der Vergangenheit an: "Jeder frage sich selbst, ob er immer alles richtig gemacht hat und welche Lehren er zu ziehen hat. Es sind nicht immer die Mutigen von einst, die heute am lautesten die Bestrafung anderer fordern." De Maizière soll sich in den kommenden Monaten als harter Verhandler gegenüber der Bundesregierung erweisen. Er setzt in Bonn die Beibehaltung des in Ostdeutschland möglichen Schwangerschaftsabbruchs sowie Sicherung und Öffnung der Stasi-Akten durch. | ||
23. April 1990Die Bundesregierung aus CDU/CSU und FDP einigt sich auf die Modalitäten für die Währungsunion. Demnach werden Sparguthaben bis 4.000 Mark zum Kurs 1:1 umgetauscht, darüber zum Kurs 1:2. Die Ostdeutschen stürmen die Sparkassen, um ihre Konten zu sortieren und Versicherungen zu kündigen, die nur noch die Hälfte wert sind. Auch meine Eltern reihen sich in die Schlangen ein. Es ist noch einmal wie in alten Zeiten. | ||
6. Mai 1990Die CDU gewinnt auch die ersten freien Kommunalwahlen, allerdings mit nur 34,4 Prozent der Stimmen. Auf der "Zwei-plus-Vier-Konferenz" in Bonn verkündet der sowjetische Außenminister Eduard Schewardnadse: "Der Kalte Krieg ist vorbei." Der Sowjetunion geht es offenbar nur noch um den Preis für die deutsche Einheit. | ||
15. Mai 1990Die DDR wird tatsächlich zur Fußnote. Die neue Regierung verkündet die Bildung von fünf Ländern. Damit wird die willkürliche Einteilung in 15 Bezirke, welche die SED in den Fünfzigerjahren vorgenommen hatte, rückgängig gemacht. Am Palast der Republik wird das DDR-Emblem demontiert. Meine Eltern schmeißen die Werke von Marx und Engels ins Altpapier. Mein Pionierhalstuch benutze ich als Schuhputzlappen. | ||
18. Mai 1990Der Staatsvertrag zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion wird unterzeichnet. Am Berliner Alexanderplatz eröffnet das erste Spielcasino der DDR. Heute treffen sich dort neureiche Russen und Wilmersdorfer Witwen. | ||
6. Juni 1990Mit Susanne Albrecht wird die erste RAF-Terroristin verhaftet, die in der DDR untergetaucht war und dort unter falschem Namen ein angeblich normales Familienleben führte. Weitere Verhaftungen folgen. Der Kalte Krieg entlässt seine Kinder. | ||
15. Juni 1990Die beiden deutschen Regierungen regeln offene Vermögensfragen nach dem Grundsatz "Rückgabe vor Entschädigung". Tausende Immobilien in Ostdeutschland gehen an westdeutsche Besitzer und ihre Nachkommen zurück. Das Zusammenwachsen fördert das nicht unbedingt. | ||
1. Juli 1990Die DDR im Glückstaumel: Die D-Mark ist da (siehe Wende-Lexikon). Die alten Ost-Scheine werden in einem Stollen im Harz vergraben, auf dass sie dort verrotten. Die als "Aluchips" verspotteten Münzen landen im Schmelzofen. Aus ihnen werden Türgriffe für Limousinen hergestellt. | ||
16. Juli 1990Helmut Kohl schreibt Geschichte. In einer Berghütte im Kaukasus einigt er sich mit Michail Gorbatschow, dass die Sowjetunion alle Truppen aus Deutschland abzieht und einem Nato-Beitritt des vereinten Landes nicht im Wege steht. Da muss sogar SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine applaudieren. | ||
19. Juli 1990"Sparwasser, Sparwasser - und Tor! Jürgen Sparwasser aus Magdeburg. Eine meisterliche Aktion!" So kommentierte die ostdeutsche Reporterlegende Heinz Florian Oertel den 1:0-Sieg der DDR gegen die Bundesrepublik bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1974. Es sollte das einzige Spiel der beiden halben Länder gegeneinander bleiben. Denn nun schließen sich Deutscher Fußball-Bund und Deutscher Fußball-Verband zusammen. Zwei ostdeutsche Vereine werden für die nächste Spielzeit der Bundesliga zugelassen. Es qualifizieren sich Hansa Rostock und Dynamo Dresden. Hansa hält sich zehn erstaunliche Jahre lang oben - und wird damit fast so berühmt wie Jürgen Sparwasser aus Magdeburg. | ||
21. Juli 1990Pink Floyd feiern das Rockspektakel "The Wall" am Potsdamer Platz. Der "wind of change" geistert fortan durch die Hitparaden. Die Pet Shop Boys fordern "Go West!", Grönemeyer ruft das "Chaos" aus, und Westernhagen zelebriert seine Ode an die "Freiheit". Die Stadien im Osten erweisen sich für solche Hymnen als zu klein. Mein erstes Grönemeyer-Konzert erlebe ich auf einem abgemähten Acker an der östlichen Berliner Stadtgrenze. Hier ist genügend Platz für 100.000 Fans. | ||
24. Juli 1990Die DDR taumelt ihrem Ende entgegen. Im Streit um die Modalitäten gesamtdeutscher Wahlen verlassen die Liberalen die Regierungskoalition. Im Land häufen sich zudem Proteste von Bauern, die mit dem Beitritt zur Bundesrepublik um ihre Existenz fürchten. Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) entlässt kurz darauf SPD-Finanzminister Walter Romberg, weil der sich nicht mit CDU-Staatsekretär Günther Krause verträgt. Als Reaktion kündigen auch die Sozialdemokraten die Koalition auf, die Zweidrittelmehrheit für den Einigungsvertrag steht auf der Kippe. In Bonn lästert der Politikbetrieb über die "Laienspielschar" in Ost-Berlin, dabei hat die nur ein Handicap: Sie kennt keinen Fraktionszwang. | ||
23. August 1990Die Zweidrittelmehrheit hält trotz Koalitionskrise: Mit 294 zu 62 Stimmen stimmt die Volkskammer dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik zu. Kanzler Kohl schlägt die Einheit zum 3. Oktober vor. Die DDR soll nicht mehr den 7. Oktober erleben, sonst würde sie noch 41 Jahre alt werden. | ||
30. August 1990Wieder steht Staatssekretär Krause im Blickpunkt. Im unterschriftsreifen Einigungsvertrag hat er gegen den Willen des Parlaments festschreiben lassen, dass die Stasi-Akten in Bonner Obhut gehen. Nach einem Eklat in der Volkskammer und einer neuerlichen Besetzung der Stasi-Zentrale durch Bürgerrechtler wird nachgebessert. | ||
7. September 1990Das Jugendradio DT 64 verliert fast alle seine überregionalen Frequenzen an die West-Berliner Station Rias. DT 64, erstmals auf Sendung zum Deutschlandtreffen der Jugend 1964, hatte es zu DDR-Zeiten wegen manch kritischer Töne und einer Menge internationaler Musik zu einer gewissen Popularität gebracht. Auf die können die Macher jetzt zählen: Nach einer Protestwelle von Jugendlichen bekommt die Station ihre Frequenzen zurück. | ||
12. September 1990Mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag beenden die Siegermächte und Deutschland die Nachkriegszeit. Die Bundesrepublik Deutschland erkennt endlich die polnische Westgrenze an und erhält als vereintes Land die volle Souveränität zurück. | ||
19. September 1990In Erichs Lampenladen geht das Licht aus. Der Palast der Republik wird wegen Asbestverseuchung geschlossen. Danach verfällt die Ruine jahrelang; inzwischen reißen sich die Abrissbagger die Zähne aus. Im West-Berliner ICC stört der Asbest seltsamerweise niemanden. | ||
20. September 1990Die beiden deutschen Parlamente stimmen dem Einigungsvertrag zu. | ||
24. September 1990Die DDR tritt aus dem Warschauer Vertrag aus. | ||
1. Oktober 1990Die Karnevalsverbände in Ost und West schließen sich zusammen. | ||
2. Oktober 1990Die Volkskammer löst sich auf. Die Alliierten werden verabschiedet. | ||
3. Oktober 1990Deutschland einig Vaterland. Ab jetzt sind alle Wessis, oder? |
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